Wie geht ihr mit Leuten um, die ständig Drama um sich selbst bauen?

LinienTraum

New member
Ich hab neulich beobachtet, wie jemand in meinem Freundeskreis eine relativ normale Situation (verspäteter Zug, normale Verspätung halt) zu einer Stunde Krisenmanagement gemacht hat — und ich merke, dass ich da immer weniger Geduld für habe. Gleichzeitig frag ich mich: bin ich einfach unsympathisch geworden, oder ist das ein legitimes Grenzenproblem? Wie unterscheidet ihr zwischen jemandem, der echte Probleme hat und sich dabei etwas dramatischer ausdrückt, vs. jemand, der die Drama selbst braucht, mMn? Und — vielleicht die wichtigere Frage — lohnt es sich, das anzusprechen, oder zieht man sich dann lieber zurück?
 
LinienTraum Das ist ja auch die Frage — was meinst du mit "braucht"? Also ob die Person bewusst Drama konstruiert, oder ob das eher unbewusst läuft, weil sie so Aufmerksamkeit oder Bestätigung kriegt? Weil das würde ja für mich die Frage ändern, ob's Sinn macht, das anzusprechen oder nicht.

Bei mir im Umfeld gibt's da auch so einen Fall, und ich hab gemerkt: die Person ist sich selbst am meisten anstrengend damit. Das Drama ist nicht Strategy, sondern eher so'n automatischer Reflex, wenn was nicht nach Plan läuft. Und dann ist die Frage weniger "bin ich unsympathisch", sondern eher "kann ich da was beeinflussen, oder macht Rückzug mir selbst nur weniger Stress?" Ehrlich — manchmal ist Rückzug auch eine valide Grenze, die hat ja nichts mit Unsympathie zu tun.
 
Collex Du sprichst da was an, das ich wichtig finde: der Unterschied zwischen "das ist anstrengend für mich" und "diese Person braucht was von mir, das ich nicht geben kann". Ersteres ist ein guter Grund für Grenze, zweiteres nicht.

Hast du mal versucht, in so einem Moment einfach nicht in das Drama einzusteigen — also bewusst chill zu bleiben, statt mitzuvibrieren?
 
Sportfreak Ja, das ist ein wichtiger Punkt, den du da machst. Ich hab das tatsächlich probiert und gemerkt, dass es verdammt schwer ist, wenn die andere Person gerade vollgas Drama fährt und dich direkt mit reinziehen will. Bei mir ist es oft so gelaufen: Ich bleib ruhig, der andere interpretiert das als Desinteresse, und dann wird's noch dramatischer, weil ich ja "nicht verstehe, wie schlimm es ist". Hat bei mir nie wirklich funktioniert, ehrlich gesagt.

Interessiert mich jetzt aber: Wenn du aktiv chill bleibst — machst du das, weil du hoffst, dass die Person sich selbst beruhigt, oder geht's dir eher darum, selbst nicht in die Spirale reingezogen zu werden? Weil das finde ich ist ein wichtiger Unterschied, und je nachdem geht's wahrscheinlich ganz anders weiter mit der Person.
 
Sportfreak Also, ich hab das selbst eine Zeit lang versucht, dieses bewusste "Chill-bleiben" — und ehrlich gesagt hat das bei mir mehr Energie gekostet als einfach normal zu reagieren. Ich bin dann so angespannt gewesen vor lauter Kontrolle, dass die andere Person das wahrscheinlich noch schlimmer fand. Was ich später gelernt habe: Es geht weniger darum, nicht mitzuvibrieren, sondern darum, nicht mitzumachen. Also zuhören, ernst nehmen — aber nicht aktiv in den Drama-Loop einsteigen, indem ich beispielsweise anfange, Probleme zu lösen, die nicht meine sind, oder mich selbst schuldig fühle für ihre Situation. Das ist subtil unterschiedlich zu "chill bleiben" und fühlt sich weniger anstrengend an. Das Tricky ist halt: Manche Menschen brauchen genau diese Performance von dir — diese "ich kümmere mich jetzt emotional um dich"-Energie — damit sie sich gehört fühlen, und wenn du die nicht zeigst, wird es noch dramatischer. Das ist dann der Punkt, wo du wirklich überlegen musst, ob du das geben kannst oder nicht, ohne dich selbst aufzugeben. Macht das Sinn, oder klingt das zu sehr danach, dass ich mir das selbst gerade zurechtrede?
 
Sportfreak Naja, "bewusst chill bleiben" klingt einfacher als es ist – ich bin da ehrlich eher jemand, der mitgezogen wird. Aber ich hab gemerkt, dass es hilft, wenn ich mir vorher schon denke: "Ok, jetzt kommt wieder die Story, ich höre zu, aber ich muss da nicht gleich emotional explodieren mit." So eine Art mentale Abkürzung, bevor's losgeht.
 
Sportfreak Ja, hab ich, und ehrlich gesagt ist das hart. Ich merk dann immer, wie mein eigener Puls hochgeht, obwohl ich rational weiß, dass ich mich da raushalten sollte. Bei mir funktioniert es besser, wenn ich vorher schon klar für mich selbst habe, dass das ihre Geschichte ist und nicht meine – dann kann ich präsenter bleiben, ohne mich selbst zu verlieren.
 
Collex Naja, Rückzug als Lösung — da bin ich mir nicht so sicher, ob das wirklich hilft. Weil wenn die Person das Drama eh automatisch lädt, dann merkst du als Bekannter irgendwann gar nicht mehr, ob du noch da bist oder nicht, die zieht sich da ihre Bestätigung woanders.

Was mich bei deiner Beschreibung reizt: du schreibst, die Person ist sich selbst am meisten anstrengend damit. Das ist eigentlich der Punkt, wo ich denken würde, dass es manchmal durchaus Sinn macht, das anzusprechen — nicht um die Person zu kritisieren, sondern eher sachlich zu spiegeln: "Hey, mir fällt auf, dass du sobald irgendwas schiefgeht sofort in diesen Modus gehst. Kriegst du selbst mit, dass das passiert?" Weil wenn es wirklich automatisch läuft, weiß die Person selbst vielleicht gar nicht, wie sie wirkt. Kann natürlich auch schiefgehen und die Person defensiv reagieren, aber zumindest ist das ehrlicher als stilles Distanzieren. Die Frage ist dann eher: wie stabil ist die Beziehung, dass du das überhaupt ansprechen kannst ohne dass es toxisch wird? Kannst du der Person das zutrauen, das zu hören?
 
LinienTraum Du sprichst da einen wichtigen Punkt an — aber mMn ist der Unterschied zwischen "das ansprechen" und "das anzusprechen, ohne dass es toxisch wird" oft größer als gedacht. Weil wenn jemand sein Drama automatisch lädt, dann hat das ja oft Gründe, die tiefer sitzen: Angststörung, Trauma, whatever — und dann kann ein liebevolles "Hey, mir fällt auf..." schnell als Vorwurf landen, egal wie sachlich du es packst. Nicht weil du es falsch machst, sondern weil die Person in dem Moment nicht die Ressource hat, dich zu hören statt sich angegriffen zu fühlen. Das heißt nicht, dass du immer schweigen sollst — aber vielleicht weniger "spiegel es ihr" und eher "du merkst, dass es dir zu viel wird, und dann darfst du gehen". Das ist auch ehrlich. Die Person wird sich dann sowieso ihre Bestätigung woanders holen, wie du richtig sagst — aber zumindest hast du nicht die Verantwortung übernommen, sie zu "fixen".
 
Kira Ah ja, das mit dem hochgehenden Puls – das ist ehrlich ne vegetative Reaktion, du kannst da rational wenig gegen ansteuern. Aber wie merkst du denn konkret, wann du gerade anfängst dich da reinzuziehen vs. wenn du präsent bleibst ohne dich zu verlieren?
 
Samira4657 Naja, das ist ja alles schön und gut mit dem liebevollen Ansatz und so, aber eig merkt man dann doch irgendwann, dass man sich selbst aufopfert für leute, die eh nicht hören wollen. Ich hatte da mal ne freundin, die hat einfach jeden tag ein neues drama erfunden — und je mehr man versucht hat, verständnis zu zeigen, desto mehr hat sie gedacht, dass das normal ist und alle sich um sie kümmern müssen. Am ende bist du halt selber das emotional-support-tier und merkst zu spät, dass du deine eigene energie aufgebraucht hast. Und dann "darfst du gehen" — klar, aber das fühlt sich halt an wie flucht, nicht wie ne gesunde grenze. Doof irgendwie.
 
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