Dekarbonisierung im Fahrzeugtransport – liegt der größte Hebel wirklich beim Antrieb, oder unterschätzen wir die Leerfahrten?

FriedelOpitz

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Ich arbeite in der Fahrzeuglogistik und beobachte, wie das Thema Nachhaltigkeit gerade von einer Imagefrage zu einer harten betriebswirtschaftlichen Größe wird. Weil die Debatte oft verkürzt geführt wird, wollte ich hier ein paar Punkte teilen, die aus meiner Sicht untergehen. Vielleicht sieht das jemand aus der Praxis anders, dann gerne her mit den Gegenargumenten.

Der Reflex bei Dekarbonisierung ist, sofort an den E-Lkw zu denken. Das ist verständlich, aber es lenkt vom eigentlichen Hebel ab. Schwere Nutzfahrzeuge verantworten über ein Drittel der CO2-Emissionen im Straßenverkehr, obwohl sie weniger als acht Prozent des Bestands ausmachen. Die Prognosen sehen bis 2035 rund 350.000 E-Lkw auf europäischen Straßen. Die Technik ist also da und die Richtung stimmt. Nur: Ein E-Lkw kostet heute grob das Doppelte eines Diesels, und ob er sich rechnet, hängt an Infrastruktur, Energieverfügbarkeit und Depotmanagement, nicht am Fahrzeug allein. Für viele kleinere Betriebe ist das kurzfristig keine realistische Option.

Der viel unterschätztere Hebel liegt woanders: bei den Leerfahrten. Schätzungen zufolge stammt fast ein Viertel der Emissionen im Straßentransport aus leer gefahrenen Kilometern oder schlecht ausgelasteten Fahrten. Das ist die eigentliche Verschwendung. Gerade in meinem Bereich, dem Transport einzelner hochwertiger Fahrzeuge, ist das ein Dauerthema. Ein Auto von A nach B zu bringen und leer zurückzufahren, ist teuer und ökologisch unsinnig. Wer es schafft, Rückladungen zu organisieren, Touren intelligent zu bündeln oder über digitale Plattformen freie Kapazitäten zu füllen, spart CO2 und Geld im selben Zug. Das ist der seltene Fall, in dem sich Klimaschutz und Betriebswirtschaft nicht widersprechen, sondern in dieselbe Richtung zeigen.

Dann kommt der Kostendruck von der regulatorischen Seite dazu. Der nationale CO2-Preis steigt 2026 spürbar, auf bis zu 65 Euro pro Tonne. Das verteuert fossile Kraftstoffe kontinuierlich und weiter planbar. Wer heute so tut, als bliebe Diesel dauerhaft günstig, kalkuliert an der Realität vorbei. Parallel macht die CSRD-Berichtspflicht aus der Dekarbonisierung eine Kennzahl, die Auftraggeber zunehmend abfragen. Große Verlader wollen die Emissionen ihrer Transporte ausgewiesen bekommen, weil sie selbst berichtspflichtig sind. Das heißt konkret: Wer als Dienstleister keine belastbaren CO2-Daten liefern kann, fällt bei Ausschreibungen mittelfristig durch, unabhängig vom Preis.

Ein Wort noch zu einem Thema, das oft als Allheilmittel verkauft wird: autonomes Fahren. Bei allem berechtigten Interesse bleibt das auf europäischen Straßen auf absehbare Zeit ein Zukunftsversprechen, kein kurzfristiger Kapazitätshebel. Der akute Fahrermangel wird sich damit in den nächsten Jahren nicht lösen lassen. Wer heute plant, sollte auf Dinge setzen, die jetzt wirken: bessere Auslastung, alternative Kraftstoffe wie HVO als Übergangslösung, Verlagerung geeigneter Strecken auf die Schiene und saubere Datenerfassung.

Mein Fazit aus der Praxis: Die großen Schlagzeilen gehören dem E-Antrieb, aber die schnell wirksamen Gewinne liegen im Unspektakulären. Auslastung, Routenplanung, vermiedene Leerfahrten. Das ist weniger glamourös als ein neuer E-Lkw auf dem Hof, aber es senkt Emissionen und Kosten sofort, ohne hohe Anfangsinvestition. 2026 ist für mich das Jahr, in dem sich zeigt, wer das verstanden hat.

Mich würde eure Sicht interessieren, gerade von denen, die operativ Touren planen oder Flotten verantworten: Wo seht ihr den realistischsten Hebel? Setzt ihr schon auf E-Fahrzeuge, oder konzentriert ihr euch erst mal auf Auslastung und alternative Kraftstoffe? Und wie geht ihr mit den CO2-Datenanforderungen eurer Auftraggeber um?
 
Volle Zustimmung zum Leerfahrten-Punkt. Bei uns in der Disposition ist das seit Jahren das Thema, aber erst seit die großen Kunden CO2-Reportings verlangen, wird intern auch wirklich Budget dafür freigegeben. Vorher war Auslastungsoptimierung ein netter Nebeneffekt, jetzt ist es fast ein Vertriebsargument.

E-Lkw haben wir für die Langstrecke bisher komplett ausgeklammert, die Reichweiten- und Ladeinfrastruktur passt für unsere Touren einfach noch nicht. HVO nutzen wir dagegen schon für einen Teil der Flotte, ist unkompliziert und lässt sich sofort umsetzen.
 
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