Literatur im Kaltfront-Modus – Warum aktuelle Bücher so zahm geworden sind 🥶

MikeReal

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Während draußen die Temperaturen abstürzen, schreiben Autoren heutzutage immer gemütlicher. Das ist einfach fakt – wo sind die Bücher, die einen emotional durchschütteln wie ne echte Kaltfront? Stattdessen kriegen wir lauwarm-therapeutische Wellness-Prosa serviert, die niemandem wehtut.
 
MikeReal Naja, ich würd da ein bisschen differenzieren – bei "Klara und die Sonne" von Ishiguro oder auch bei Sally Rooneys "Normal People" geht's ja durchaus zur Sache, emotional wie inhaltlich. Das Problem ist eher, dass diese intensiveren Bücher halt nicht auf den Bestseller-Listen landen, während die ganzen Cozy-Mystery- und Healing-Journey-Titel überall prominent liegen.

Aber dein Punkt passt schon irgendwie: Es gibt definitiv einen Markt-Trend zu weniger Konfrontativem, und da spielen Algorithmen, Bookstok und die Erwartung nach "feel-good"-Content ne große Rolle. Die Frage ist dann aber – sind Autoren wirklich zahmer geworden, oder publizierten Verlage einfach nur weniger von den rauen Sachen, weil die Rechnung nicht aufgeht? Und: Was verstehst du selbst unter "emotionalem Durchschütteln"? 📚
 
tobi404 Z.B. Fallada, "Jeder stirbt für sich allein": Danach hab ich zwei Tage nix gelesen, das meine ich mit Durchschütteln. Rooney hab ich letzten Winter im Zug angefangen und bin kurz hinter Hamburg eingenickt, mMn sagt das auch was, bzw. Verlage trauen sich bei sowas eben seltener ran.
 
MikeReal Bei Fallada hilft imo schon, dass das Ganze auf einer echten Gestapo-Akte basiert. Man weiß beim Lesen die ganze Zeit, dass das wirklich passiert ist, und das kann ein Roman von heute kaum nachbauen. Rooney will ja bewusst leise sein, da würde ich "eingenickt" nicht unbedingt mit "zahm" gleichsetzen, auch wenn ich verstehe, was du meinst. Mich würde eher interessieren, ob du in den letzten paar Jahren überhaupt irgendwas Aktuelles gelesen hast, das dich so erwischt hat wie Fallada. Falls ja, wäre das ein ziemlich guter Gegenbeleg zur These, und falls nein, ist da vielleicht echt was dran.
 
tobi404 Bei uns im Buchladen um die Ecke liegt "Normal People" seit Jahren irgendwo im zweiten Regal, vorne stapeln sich die Teeläden-Krimis. Stimmt schon, die Verlage drucken eher was sich verkauft, und der Rest wird dann gar nicht erst...
 
Collex "leise" ist ja schön und gut, aber irgendwie will ich beim Lesen auch mal angeschrien werden. Und ehrlich, nee, mir fällt da grad nix Aktuelles ein, das nervt mich selbst am meisten.
 
MikeReal Hm, ob das wirklich an den Verlagen liegt? Rooney einzunicken kann ja auch einfach Geschmackssache sein, ich fand sie eher leise als zahm 😅 Und es gibt schon noch Bücher die einen umhauen, z.B. Yanagihara oder Ocean Vuong, da hab ich auch ewig dran...
 
Hmm, ist "Normal People" nicht eher ein Gegenbeispiel, weil es sich millionenfach verkauft hat und sogar als Serie lief? 🤔 Mich würde interessieren, ob dein Buchhändler die Teeladen-Krimis wirklich nach Verkaufszahlen vorne platziert oder ob da auch Verlagsrabatte und bezahlte Platzierungen mitspielen.
 
MikeReal Leise statt zahm, okay, das lass ich dir durchgehen. Yanagihara hat mich damals auch fertiggemacht: Ich hab "Ein wenig Leben" im Zug angefangen und danach wochenlang nichts anderes hinbekommen, weil mir alles andere zu flach vorkam. Aber genau das meine ich ja. So was erscheint alle paar Jahre mal, und drumherum stapelt sich der gefällige Rest, weil der sich eben besser verkauft. Dass es die guten Sachen noch gibt, bestreite ich gar nicht, man findet sie nur nicht mehr zufällig, sondern muss schon gezielt danach suchen. Und wer hat dazu schon noch Lust, wenn man nach der Arbeit sowieso platt ist.
 
MaulwurfPrime Puh, "nach der Arbeit platt" ist genau die Ausrede, mit der man sich den gefälligen Rest schönredet. Wer nur noch Lust auf Bequemes hat, bekommt eben auch genau das, und dann sollten wir uns über die Verlage nicht wundern.
 
Ich hab "Ein wenig Leben" auch nur gelesen, weil's gefühlt überall auf den Tischen in der Buchhandlung lag und jeder im Feed davon geredet hat, also eher zufällig als gezielt gesucht, gell? Das spricht ja fast ein bisschen gegen deine These. Hat dich seither noch was so erwischt, oder war das für dich der letzte mega Treffer?
 
Kira Meinst du mit "leise" eher feinfühlig als harmlos? Yanagihara und Vuong sind für mich eher Ausnahmen, die erst durch Preise und Hype sichtbar wurden, und das spricht fast schon für Mikes These.
 
Sportfreak Nimm "Ein wenig Leben": Das Buch ist vieles, aber zahm sicher nicht, und trotzdem hat es sich Anfang 2015 nicht über einen Preis, sondern vor allem über Leserinnen und Leser verbreitet, die sich gegenseitig davor gewarnt und es dann doch empfohlen haben. Mit "leise" meine ich tatsächlich feinfühlig, nicht harmlos, also Bücher, die nicht herumschreien und trotzdem wehtun. Dass Yanagihara und Vuong erst durch Hype sichtbar wurden, überzeugt mich nur halb, denn dann müsste man ja auch erklären, warum der Hype gerade bei solchen Büchern losgeht, wenn der Markt angeblich nur Braves will. Das spricht für mich eher dafür, dass es ein Publikum für Mutigeres gibt, und dass die Verlage es manchmal unterschätzen. Mich würde eh interessieren, an welchen Büchern du und Mike die Zahmheit festmacht, weil ich bei so einer These gern ein paar konkrete Titel sehen würde, statt nur ein Gefühl. Wenn es dann zwanzig austauschbare Wohlfühlromane sind, passt schon, aber das wäre für mich noch kein Beleg für die ganze Gegenwartsliteratur.
 
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