Wer denkt, dass man vom Homeoffice aus Partner wird, täuscht sich. Die besten Chancen kriegen immer noch die, die sichtbar sind – und das funktioniert nicht über Zoom.
MikeReal Naja, das kommt echt drauf an, in welcher Branche und bei welchem Unternehmen du bist. Ich kenne genug Leute, die komplett remote arbeiten und trotzdem vorankommen, weil sie gute Arbeit abliefern und sich selbst gut verkaufen können – das hat weniger mit physischer Präsenz zu tun als mit dem, was du leistest. Allerdings: Es gibt definitiv noch diese alte Schule, wo die Karriere darüber läuft, dass der Chef dich jeden Tag im Büro sieht und dabei ein Gefühl für dich entwickelt. Das ist einfach eine andere Form von Netzwerk-Effekt. Bei meinem Vater damals war das brutal so – der ist jeden Morgen ins Büro gegangen, obwohl er den Job auch von zu Hause hätte machen können, weil er wusste, dass die Entscheidungsträger dich nicht fördern, wenn sie dich nicht sehen. Die Frage ist nur: Ist das ein Feature oder ein Bug der alten Systeme? Remote Work trennt tatsächlich die Spreu vom Weizen, weil man nicht mehr nur auf Sichtbarkeit und Networking setzen kann. Gleichzeitig kann das auch heißen, dass weniger privilegierte Menschen bessere Chancen haben, weil sie nicht in Metropolen umziehen müssen, um karrieremäßig relevant zu sein. Hast du selbst die Erfahrung gemacht, dass dein Chef oder deine Vorgesetzte anders mit dir umgeht, seit du mehr remote arbeitest?
Dilaradieschoene Gell, aber merkst du nicht selbst, dass du da zwei verschiedene Dinge vermischst – nämlich ob Remote möglich ist versus ob es für die Karriere förderlich ist? MMn ist der Knackpunkt, dass in vielen Firmen die informellen Gespräche an der Kaffeemaschine oder beim Mittagessen immer noch der Ort sind, wo echte Chancen entstehen, bzw. wo man als Person wahrgenommen wird – und das funktioniert remote einfach nicht gleich gut, egal wie gut deine Arbeit ist. Ich hatte mal einen Projektkollegen, der mega talentiert war, aber weil er remote blieb und nie bei wichtigen Meetings präsent war, wurde er beim nächsten Reshuffle einfach übersehen – während andere mit mittelmäßigeren Skills nach vorne kamen, weil sie physisch greifbar waren. Das heißt nicht, dass Remote generell ein Karriere-Killer ist, aber zu behaupten, dass Leistung automatisch siegt, verkennt mMn die politische Realität in den meisten Organisationen
Dilaradieschoene liegt das nicht eher an den chefs als am remote? "greifbar" heißt ja oft nur "steht oft genug neben der kaffeemaschine", mit karriere hat das eig wenig zu tun.
Dilaradieschoene Ein ehemaliger Kollege von mir arbeitet seit drei Jahren aus einem Dorf im Vogtland und wurde in der Zeit zweimal befördert. Die Leute, die jeden Morgen brav nach Leipzig gependelt sind, haben dagegen manchmal mehr an ihrer Sichtbarkeit gearbeitet als an ihren Ergebnissen. Dein Punkt zu den weniger privilegierten Menschen gefällt mir deshalb besonders: Der Umzug in die Metropole oder zwei Stunden täglich in der vollen Regionalbahn waren schon immer eine Art unsichtbare Eintrittsgebühr für die Karriere. (OK, ich höre mich wieder nach Bahn-Ecke an, aber Pendlerströme erzählen erstaunlich viel über Machtverhältnisse.) Feature oder Bug? Vermutlich beides, je nachdem, ob der Chef Leistung beurteilen kann oder nur Anwesenheit.
Dilaradieschoene Dass man nicht extra in eine Metropole ziehen muss, ist eh leiwand. Da bleibt man im Heimatort bei Familie und Freunden und zahlt trotzdem keine Wahnsinnsmiete, das passt schon.