Warum fällt es uns so schwer, "Nein" zu sagen – auch wenn wir es eigentlich wollen?

NervaX

New member
Letzte Woche hat mich eine Freundin gefragt, ob ich ihr beim Umzug helfen kann – an einem Samstag, an dem ich eigentlich völlig kaputt bin und einfach mal nichts tun wollte. Und was habe ich gesagt? Natürlich ja, obwohl mir schon beim Zusagen die Luft weggeblieben ist 😅 Ich bin dann den ganzen Tag dort gewesen, habe mich unwohl gefühlt und war hinterher noch frustrierter. Dabei wäre ein ehrliches "Dieses Mal kann ich nicht" völlig okay gewesen. Mich würde echt interessieren, ob es euch genauso geht – habt ihr auch manchmal das Gefühl, dass ihr automatisch ja sagt, obwohl ihr eigentlich lieber ablehnen würdet? Ist es bei euch auch so ein Ding mit Schuldgefühlen, oder gibt es noch andere Gründe, warum ihr nicht einfach nein sagen könnt? Ich finde, das ist so ein unterschätztes Thema, denn es nervt einen selbst am meisten 😕
 
NervaX Ich glaube, du verwechselst da etwas – das Problem ist ja nicht, dass wir nicht wissen, dass "Nein" okay ist. Du hast das selbst gerade formuliert und trotzdem ja gesagt. Das deutet eher darauf hin, dass es nicht um rationale Einsicht geht, sondern um etwas Tieferes, oder?

Mich würde interessieren: Hattest du direkt beim Zusagen das Gefühl, dich schuldig zu fühlen, oder war das erst später die Rationalisierung dafür, dass du schon ja gesagt hast? Weil ich vermute, dass viele von uns einfach in der Sekunde, in der die Frage kommt, einen sozialen Reflex haben – wie eine Firewall, die sich automatisch öffnet – und das echte innere "Nein" kommt erst danach. Interessant wäre auch, ob es bei dir bei manchen Menschen leichter fällt als bei anderen.
 
Du sprichst da was an – dieser automatische Reflex ist real, aber ich glaub, das Schuldgefühl kommt oft nicht nach, sondern läuft parallel mit: Man sagt ja, weil man sich schon beim Fragen schuldig fühlt, die andere Person zu enttäuschen. Das ist kein rationaler Prozess, der nachher repariert wird, sondern das passiert gleichzeitig.

Und ja, bei manchen Menschen fällt mir ein Nein deutlich leichter – interessanterweise nicht immer bei denen, die mir nahestehen, sondern eher bei denen, wo ich weiß, dass sie damit umgehen können, ohne es persönlich zu nehmen.
 
Dilaradieschoene Naja, aber genau da würde ich dir widersprechen – ich glaub, das Schuldgefühl ist oft trotzdem die Folge, nicht die Ursache, auch wenn's parallel läuft. Interessant wird's bei deinem zweiten Punkt: Meinst du, dass Menschen, die emotional stabiler wirken, einfach weniger triggern in uns, oder geht's dir mehr darum, dass sie uns selbst entspannter machen, sodass wir gar nicht erst in diese Schuldgefühl-Spirale reinrutschen?
 
Dilaradieschoene Genau das ist der Knackpunkt – du sagst ja nicht trotz des Schuldgefühls, sondern weil es schon da ist, bevor die Frage überhaupt gestellt wird. Und bei Leuten, die's nicht persönlich nehmen, fällt dir das Nein leicht, weil du nicht befürchten musst, dass dein Nein deren Selbstwertgefühl ruiniert – da ist weniger emotionaler Ballast drauf, mMn.
 
MikeReal Da stimme ich dir zu, aber ich würde noch einen Schritt weitergehen: Das Schuldgefühl ist oft gar nicht rational begründet, sondern einfach konditioniert – wir haben gelernt, dass unser Nein anderen schadet oder uns selbst gefährdet, und das sitzt tiefer als bewusste Gedanken. Das Nein zu Menschen, die's nicht persönlich nehmen, fällt deshalb leicht, weil diese Konditionierung dort nicht greifen kann, nicht weil die logische Überlegung plötzlich anders ausfällt.
 
Dilaradieschoene Ja okay, aber ich würd das anders sehen – nimm mal jemanden, der seiner Mutter nie Nein sagen kann, obwohl er rational weiß, dass es okay ist. Bei seinem Chef aber kriegt er es hin, weil der nicht emotional reagiert. Das ist für mich weniger eine tiefe Konditionierung, sondern eher dass wir einfach die unmittelbare Konsequenz fürchten, die wir vor Augen haben. Bei der Mutter ist das Drama real und vorhersehbar, beim Chef... naja, vielleicht auch, aber anders. Es geht weniger um unbewusste Muster als um konkrete soziale Macht und wer uns emotional treffen kann, würde ich sagen. Die Konditionierung ist eher das Symptom als die Ursache, nicht umgekehrt.
 
MikeReal Ah ja, aber dann stellt sich doch die Frage: wieso fürchtet man sich vor dem Drama der Mutter überhaupt noch, wenn man rational weiß, dass Nein-Sagen okay ist? Das klingt ja gerade nach genau dieser Konditionierung, die du als Symptom bezeichnest – also dass die emotionale Reaktion der Mutter über Jahre so verankert ist, dass die rationale Einsicht gar nicht zieht. Bei meinem Vater z.B. merk ich das: er kann seinem eigenen Chef widersprechen, aber sobald seine Mutter anruft und etwas "vergessen" hat, das sie ihm schon 100x gesagt hat, wird er wieder zum zaudernden Sohn. Das ist ja nicht rational, sondern das ist genau diese automatische Reaktion auf jemanden, der emotionale Kontrolle ausübt – und die entsteht nicht plötzlich, die baut sich ja auf. Ich glaub, Ursache und Symptom lassen sich da schwer trennen: Die unmittelbare Angst vor der Reaktion ist das Symptom, aber das Symptom IS die Konditionierung, mMn. Oder siehst du da wirklich einen klaren Unterschied?
 
Dilaradieschoene Jo, das ist wahr – aber das Blöde ist: die Konditionierung lässt sich nicht einfach durch Einsicht wegdenken. Ich merke das bei mir selbst, wenn ich jemandem absagen will, dem ich "viel schuldig bin" (real oder imaginär) – mein Kopf weiß, dass das Unsinn ist, aber mein Bauch zieht trotzdem an. Mit den Menschen, die's nicht persönlich nehmen, funktioniert's nur, weil wir ihnen unbewusst vertrauen, dass sie unseren Selbstschutz nicht als Ablehnung interpretieren. Das ist weniger eine logische Entscheidung als ein entspanntes Nervensystem. Insofern könnte der Weg auch sein: nicht gegen die Konditionierung ankämpfen, sondern sie gegenüber den wichtigen Menschen nach und nach zu entspannen – indem man merkt, dass das Nein die Beziehung nicht zerstört.
 
Back
Top