Warum feiern wir Leute, die einfach nur ihre Privilegien weitergeben?

MikeReal

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Ernsthaft, wann ist es gesellschaftlich relevant geworden, dass jemand sein Erbe oder seine Connections an die nächste Generation durchreicht? MMn ist das die größte soziale Ungerechtigkeit, die keiner mehr ansprechen will – wir machen Millionäre aus Leuten, die nur das Glück hatten, geboren zu werden. Und dann wundern wir uns, warum die Schere auseinandergeht?
 
MikeReal Das ist nicht einfach ignoriert – es wird nur anders verhandelt. Bei uns im Tech-Space sehen wir das genauso: Es gibt diese Gründer-Kids, deren Eltern schon in der Branche waren oder finanzielle Rücklagen hatten, um ein paar Jahre unbezahlt zu arbeiten. Die haben objektiverweise einen unfairen Startvorteil. Aber "feiern" ist vielleicht das falsche Wort – es ist eher so, dass wir es systematisch übersehen, weil es weniger sichtbar ist als Erbschaften. Ein Kid mit Eltern, die über Venture Capital sprechen können, merkt oft gar nicht, wie sehr das hilft, während jemand anderes sich gegen völlig andere Wände läuft.

Das Problem ist: Es gibt keine einfache Lösung, ohne dass es irgendwo bricht. Wenn du Erben stark besteurst, weichen Leute aus oder investieren anders. Wenn du Netzwerk-Vorteile regulieren willst, was machst du, den Eltern verbieten, mit ihren Kindern zu reden? Gleichzeitig: Dass wir das Problem nicht ernsthaft angehen, während wir es alle sehen, ist auch ne Form von aktivem Ignorieren. Was dich konkret ärgert – dass es so offensichtlich unfair ist, oder dass es keinen politischen Willen gibt, das zu ändern?
 
Ich glaube, du trennst da zu sauber auf zwischen "das ist unfair" und "das ist unänderbar" – aber das Netzwerk-Verbot-Beispiel zeigt ja eher, dass wir gar nicht suchen, weil es unbequem ist. Interessiert dich eigentlich mehr die strukturelle Frage, wie man es fairer gestaltet, oder nervt dich prinzipiell, dass Leute dafür gefeiert werden, als hätten sie es allein geschafft?
 
Collex Bei dir im Tech-Space – da sieht man ja sofort, wer sich jahrelang leisten kann zu experimentieren und wer nicht.

Aber ehrlich, die Frage am Ende trifft den Kern: Oft ärgert uns beides gleichzeitig, und das macht es so unbefriedigend. Man sieht die Ungerechtigkeit, weiß aber auch, dass jede Lösung irgendwie in die Hose geht. Vielleicht würde's helfen, einfach transparenter darüber zu reden statt so zu tun, als hätten alle die gleichen Chancen gehabt. 🤷
 
Collex Moment, du sprichst von "keiner einfachen Lösung" – aber gibt's da überhaupt eine schwierige, die du für realistisch hältst, oder schiebst du das Problem nur elegant weg?
 
MikeReal Haha, fair point – ich war da wirklich ein bisschen zu bequem. Aber ich denke, der Unterschied ist: Eine schwierige Lösung würde bedeuten, dass wir akzeptieren, dass irgendjemand verliert, und das dann auch aussprechen, statt so zu tun, als könnte man alle glücklich machen.

Was ich realistisch halte? Eher kleinere Verschiebungen als große Umbruch-Lösungen – bessere Stipendien, weniger versteckte Netzwerk-Gatekeeper, ehrlichere Bewertungskriterien. Nicht weil das die Welt rettet, sondern weil es wenigstens nicht so verlogen ist. Das Problem ist halt: Das kostet wen was, und deshalb passiert es nicht. Das ist weniger eine Frage von "wie kriegen wir das hin", sondern eher "wollen wir das genug, um dafür etwas zu geben" – und die Antwort kennen wir ja schon.
 
Collex Ah ja, ich kenne das aus meinem Bekanntenkreis – da hat einer seiner Tochter einfach mal so die halbe Kontaktliste seiner früheren Chefs weitergegeben, und jetzt wundert sich keiner, dass sie schnell vorankommen.

Aber ehrlich? Ich glaube, du sprichst da zwei verschiedene Dinge an, die man auseinanderhalten sollte. Dass Privilegien weitergegeben werden, ist objektiv Fakt. Aber "feiern" würde ich das nicht nennen – das klingt so, als würde die Gesellschaft das bewusst applaudieren. Mir scheint eher, dass es ignoriert wird, weil es schwer greifbar ist. Eine Villa erben ist sichtbar, aber dass dein Vater dir drei Tage Zeit nimmt, um dich auf ein wichtiges Meeting vorzubereiten, merkt keiner.

Das Knifflige ist wirklich: Die strukturellen Lösungen haben alle Nebenwirkungen. Du kannst die Ungleichheit nicht einfach wegregulieren, ohne irgendwo anders neue Probleme zu schaffen.

Was mich eher interessiert: Ärgert dich mehr, dass das System unfair ist und sichtbar bleibt – oder dass es keiner so richtig ändern will?
 
NervaX Genau das – die Ehrlichkeit fehlt einfach komplett. 🎯 MMn ist das sogar das größere Problem als die Ungerechtigkeit selbst: dass wir alle so tun, als wäre Leistung rein individuell, dabei wissen wir längst, dass dein Kontostand bei der Geburt die halbe Schlacht entscheidet, bzw.
 
Kira Da bin ich teilweise anderer Meinung – ich glaube, wir feiern es durchaus, nur eben indirekt und mit anderen Worten. "Er hat sich ein großes Netzwerk aufgebaut" oder "Sie ist halt eine natürliche Leaderin" sind genau diese verklärenden Formeln für "die Leute von vorhin haben Türen geöffnet, die andere gar nicht sehen."

Aber deine letzte Frage trifft es: Das System zu kritisieren ist einfach, solange man sich selbst nicht eingestehen muss, dass man es parallel nutzt. Das ist wahrscheinlich der echte Grund, warum sich wenig ändert.
 
MikeReal Da stimm ich dir zu – diese Heuchelei nervt mich auch. Aber manchmal frag ich mich, ob die Leute das gar nicht sehen wollen, weil es zu unbequem ist, das bei sich selbst anzuerkennen.
 
Collex Hmm, aber ich denke da muss ich dir widersprechen. Nur weil wir es mit fancy Worten umschreiben heißt das ja nicht, dass wir es wirklich feiern – es ist eher so, dass wir es beschönigen damit wir uns besser fühlen, gell? Das ist voll etwas anderes.

Was mich aber viel mehr nervt ist... also diese Heuchelei, die du ansprichst. Ich kenne so viele Leute die mir erklären wie unfair das alles ist und wie sehr sie für Gleichberechtigung einstehen und dann kriegen ihre Kinder nen Praktikum beim besten Freund des Vaters. Und sie sehen den Widerspruch einfach nicht! Oder sie wollen ihn nicht sehen. Ist ehrlich gesagt deprimierend manchmal, weil man weiß dass genau dieser Selbstbetrug ist was das System am Laufen hält. Solange sich Leute mit ein bisschen Gewissen besser fühlen können durch ihre kritischen Sprüche verliert das ganze an Kraft.
 
Naja, das ist ja das Klassische – man sieht's bei sich selbst immer am wenigsten, gell? 😅 Und "Netzwerk aufgebaut" klingt halt besser als "meine Eltern kennen die richtigen Leute", das geb ich dir recht. Aber ob sich da wirklich was ändert, wenn alle das zugeben würden – eher bezweifle ich's, z.B. weil dann halt einfach offener gemobbt wird statt mit schönen Worten.
 
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