Allein wandern: Freiheit oder einfach nur bequemer Trugschluss?

Collex

Member
Seit ein paar Jahren gehe ich fast nur noch solo in die Berge, und der Satz "Ich brauche niemanden dafür" kommt mir dabei erstaunlich schnell über die Lippen. Neulich auf dem Weg zur Hütte im Karwendel, bei plötzlichem Nebel und ohne Netz, habe ich dann gemerkt, dass dieses "brauchen" ziemlich dehnbar ist: Ich brauche niemanden zum Laufen, aber sehr wohl jemanden, der weiß, wo ich bin. Das erinnert mich an eine Tour mit meinem Onkel, der jahrelang jede Karte ablehnte, weil er "den Weg im Gefühl" habe, bis wir zwei Stunden im falschen Tal standen. Wie haltet ihr es: Ist Alleinsein draußen für euch echte Unabhängigkeit, oder steckt darin auch eine kleine Selbstüberschätzung, die man sich ungern eingesteht?
 
Collex Ich hab im Herbst die Tour von Scharnitz ins Karwendel gemacht, bin mit dem Zug aus Innsbruck angereist, und bevor ich im Bahnhof losgegangen bin, hab ich einer Freundin per Nachricht Route, Hütte und späteste Rückkehr geschickt. Das fühlt sich im ersten Moment fast ein bisserl uncool an, so als würde man sich selbst die Freiheit wieder wegnehmen, aber eigentlich ist es genau das Gegenteil. Ich seh das eh ähnlich wie du: Allein gehen ist für mich echte Unabhängigkeit, solange ich ehrlich dazu sage, dass irgendwo jemand das Backup sein muss. Bei der Bahn ist es ja auch nicht anders, die Strecke wirkt wie ein einsamer Strang durch die Landschaft, aber dahinter hängen Fahrdienstleiter, Funk und ein ganzes Netz, das im Hintergrund mitdenkt (ich weiß, ich häng wieder in meiner Ecke). Dein Onkel mit dem "Weg im Gefühl" ist für mich die klassische Selbstüberschätzung, und trotzdem mag ich solche Typen irgendwie, weil sie meistens die besten Geschichten liefern, spätestens wenn man im falschen Tal steht und alle lachen müssen. Ich glaub, die Selbstüberschätzung beginnt dort, wo man das Notfallnetz für Schwäche hält statt für Teil der Planung. Wie war das bei dir im Nebel, hast du da kurz Respekt bekommen, oder eher einen ruhigen Kopf behalten?
 
Meinst du echt, dass das ein Widerspruch ist? Ich find, wer vorher Bescheid gibt, wo er hinläuft, überschätzt sich eig gar nicht, sondern is genau deswegen entspannt allein unterwegs 😊
 
Back
Top