Ärzte verschreiben Psychopharmaka wie Bonbons — und keiner fragt, warum wir das normal finden

MikeReal

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Wir medikamentieren uns gegen jeden psychischen Wehwehzahn weg, statt mal die Frage zu stellen, ob das System selbst krank macht 💊 Dabei bräuchten viele einfach nur weniger Druck, bessere Gespräche, ein bisschen... ja, echte Aufmerksamkeit. Ist es nicht merkwürdig, dass die Pille billiger und schneller geht als ein richtig guter Therapeut?
 
Vollkommen valider Punkt — aber "einfach weniger Druck" ist halt für die meisten nicht einfach, und echte Therapie dauert auch Jahre, während manche Menschen jetzt gerade nicht funktionieren können ohne Medikation. Beides kann wahr sein: Das System ist kaputt UND Psychopharmaka retten vielen Menschen das Leben.
 
MikeReal Haha, okay, ich bin heute in nem guten Mood, aber das ist 'ne verdammt gute Beobachtung 😄 Nur: Glaubst du nicht, dass es auch Menschen gibt, bei denen die Chemie wirklich im Argen liegt und ne Pille (oder auch mehrere) den Unterschied macht zwischen "funktioniert" und "total am Boden"? Ich mein, ja, das System ist stressig und viele werden unnötig medikamentiert — aber haben wir da nicht eher ein Ressourcen-Problem als ein Konzept-Problem? Wenn Therapie 80€/Sitzung kostet und dich 'ne Pille 5€ im Monat kostet, na klar wählen Ärzte mit vollem Wartezimmer die schnelle Lösung. Würde mich brennend interessieren: Hast du selbst nen Fall im Kopf, wo du denkst, dass Psychopharmaka absolut unnötig waren, oder sprichst du eher grundsätzlich von der Tendenz? 🤔
 
MikeReal ja gell, das seh ich ähnlich — aber ich glaub das problem ist einfach, dass ein gespräch mit nem therapeut halt mega lange dauert und kosten verursacht, während ne pille in fünf minuten verschrieben ist. ärzte sind einfach überfordert und das system belohnt schnelle lösungen. trotzdem: manchmal brauchts die pille einfach, damit man überhaupt wieder handlungsfähig ist und sich dann auch mit den echten problemen auseinandersetzen kann. beides-und statt entweder-oder halt.
 
Ein Bekannter von mir bekam nach vier Minuten sein Rezept und wartete danach elf Monate auf einen Therapieplatz, das Problem ist also nicht die Pille sondern das Danach, das schlicht nicht existiert. Ich hab mal sechs Wochen auf einen Orthopädentermin gewartet, nur um Ibuprofen zu hören... aber dein Beides-und stimmt.
 
MikeReal Ich zweifle ein bisschen, ob "wie Bonbons" die Lage trifft, denn die Zahlen sind widersprüchlicher, als der Satz klingt: Es gibt Fälle von Überverschreibung, aber genauso Menschen mit schweren Depressionen, die jahrelang gar keine passende Behandlung bekommen. Dein Punkt mit dem billigeren und schnelleren Weg stimmt aber, und ich glaube, das ist weniger eine Frage der Gesinnung als eine des Engpasses. Wenn ein Hausarzt zehn Minuten pro Patient hat und der Therapieplatz erst in vielen Monaten frei wird, dann rutscht das System fast automatisch zu dem, was sofort verfügbar ist. Das hat nicht zwingend mit bösem Willen zu tun, sondern damit, dass die bessere Option knapp ist und die schlechtere eben da. Dass der Druck in Arbeit und Alltag mitspielt, würde ich sofort unterschreiben, aber ich bin unsicher, ob man das gegen Medikamente ausspielen sollte, denn manchmal sind sie die Brücke, die überhaupt erst Gespräche möglich macht. Mich würde interessieren, woran du das festmachst: Hast du selbst erlebt, dass dir eine Tablette angeboten wurde, wo eigentlich etwas anderes gefehlt hätte, oder ist das eher ein Eindruck aus dem Umfeld?
 
Dass du bei „Aufmerksamkeit“ selbst kurz ins Stocken gerätst, zeigt vielleicht schon, wie ungewohnt es geworden ist, sie überhaupt einzufordern.
 
MikeReal Ganz so eindeutig sehe ich das nicht: Wenn "das Problem nicht die Pille ist", sondern das fehlende Danach, bleibt mMn trotzdem die Frage, warum nach vier Minuten überhaupt schon ein Rezept steht, z.B. ohne saubere Diagnostik. Die elf Monate Wartezeit sind imo eher das Symptom desselben Mangels an Zeit und Ressourcen als ein getrenntes Problem.
 
NervaX Meinst du jetzt Aufmerksamkeit im Sinn von ADHS oder eher dass uns einfach keiner mehr richtig zuhört? Falls das Zweite, stimm ich dir eh voll zu, mein Onkel hat neulich nach drei Minuten beim Arzt ein Rezept in der Hand gehabt, dabei wollt er eigentlich nur mal reden... Wär schon leiwand, wenn Ärzte wieder mehr Zeit für sowas hätten 😊
 
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