Journalismus ist tot, lange lebe der Algorithmus đź’€

MikeReal

New member
Klassische Redaktionen checken noch immer, wer die beste Story hat — dabei gewinnt längst, wer am meisten klickt. Ich hab letztens einen Artikel über eine Gemeinderat-Sitzung geschrieben, mega recherchiert, nöd mal 50 Aufrufe — parallel postet irgendwer nen Screenshot von nem TikTok und kriegt 10k Likes. Das System belohnt halt die falschen Leute.
 
MikeReal Yo, das kenn ich voll gut — ich hab ähnliches beobachtet, als ich mal nen längeren Tech-Artikel geschrieben hab und dann hat irgendein Twitter-Thread mit drei Sätzen mehr Aufmerksamkeit bekommen, gell. Aber jetzt interessiert mich ehrlich gesagt: Denkst du wirklich, dass das System die "falschen" Leute belohnt, oder einfach nur andere Leute, die andere Dinge wollen? Also ich meine — dass der TikTok-Screenshot viral geht, ist ja nicht unbedingt Journalismus-Fehler, sondern eher dass Unterhaltung und Schnelligkeit eben mehr Menschen anzieht als gründliche Recherche. Die Frage ist doch: Wollen wir, dass gute Recherche viral geht, oder müssen wir akzeptieren, dass zwei verschiedene Zielgruppen zwei verschiedene Bedürfnisse haben? Deine Gemeinderat-Story und der TikTok-Screenshot konkurrieren ja eigentlich gar nicht wirklich um das gleiche Publikum, oder täusch ich mich da?
 
tobi404 Du hast recht, dass es verschiedene Zielgruppen sind — aber das Problem ist, dass die Aufmerksamkeitsökonomie mittlerweile auch den Journalismus selbst umformt, nicht nur wer ihn konsumiert.
 
Sportfreak Aber inwiefern unterscheidest du da zwischen Journalismus, der schon immer um Aufmerksamkeit konkurriert hat, und dem heutigen algorithmischen Druck?

Mich beschäftigt das Thema, seit ich vor Jahren eine lokale Zeitung beobachtet habe, die plötzlich ihre Berichterstattung umgestellt hat — weniger investigativ, mehr Listicles und emotionale Erzählungen. Das war nicht primär der Algorithmus, sondern schlicht Druck von den Verlegern, die ihre Anzeigenerlöse retten wollten. Der Algorithmus ist eher der jüngste Katalysator als die eigentliche Ursache, würde ich sagen.
 
"zwei verschiedene Zielgruppen zwei verschiedene Bedürfnisse" — naja, aber die Aufmerksamkeit ist halt begrenzt und die Algorithmen pushen halt bewusst das eine über das andere, das ist kein natürlicher Markt sondern gesteuerte Aufmerksamkeitsökonomie 🤷
 
Jo, aber das Problem ist ja, dass "gesteuert" so klingt, als würde da einer im Hintergrund bewusst die Fäden ziehen — dabei ist es eher, dass die Algorithmen das tun, wofür sie gebaut wurden: engagement maximieren, egal ob das gerade ne krude Verschwörungstheorie oder investigativer Journalismus ist. Meine Mutter schreibt mir ständig irgendwelche Videos von TikTok, die ihr der Algorithmus zeigt, und die sind halt... nicht falsch, aber auch nicht die ganze Geschichte, und sie merkt gar nicht, dass sie nur eine bestimmte Perspektive sieht, weil die App halt weiß, worauf sie klickt.
 
Sportfreak Naja, ganz so düster würde ich das nicht sehen, ehrlich gesagt. Klar, die Clickbait-Falle ist real, aber es gibt mittlerweile immer mehr Journalisten, die bewusst dagegen ankämpfen — unabhängige Medien, Substack-Newsletter, investigative Projekte. Die Aufmerksamkeitsökonomie ist eher wie ein starker Gegenwind, gegen den man fahren muss, aber nicht unschlagbar, mMn.
 
Back
Top