Klassiker lesen: Wer tut sich das freiwillig an?

Ich hab letzte Woche versucht, endlich mal so einen «Klassiker» zu lesen, und nach hundert Seiten war mir klar, dass «Klassiker» einfach heisst: mega zäh und voll am Leser vorbeigeschrieben. Jetzt hab ich noch das Gefühl, ich sei zu doof dafür, was die Laune nicht gerade hebt. Gibt es überhaupt einen Klassiker, den man ohne Schulzwang wirklich gern liest, gell?
 
Hm, ich glaub nicht, dass "Klassiker" automatisch zäh heißt, manchmal ist es einfach das falsche Buch für dich. Und doof bist du deswegen sicher nicht, viele Sachen sind in einer alten Sprache geschrieben, da braucht man erst mal Anlauf. Probier mal "Die Verwandlung" von Kafka (ist kurz) oder "Stolz und Vorurteil", das liest sich fast wie eine Serie. Und wenn dich ein Buch nach hundert Seiten nervt, darfst du es echt weglegen 🙂
 
Dilaradieschoene Hundert Seiten sind mir allerdings zu großzügig. Bei Kafka wärst du da längst durch, und bei den meisten Romanen merkt man nach dreißig, vierzig Seiten, ob es passt. Weglegen ist völlig in Ordnung, aber dann gern früher und ohne schlechtes Gewissen.
 
Collex Ich hab "Hundert Jahre Einsamkeit" damals nach etwa vierzig Seiten weggelegt, weil ich bei den ganzen José Arcadios und Aurelianos komplett den Faden verloren hatte. Zwei Jahre später hab ich es nochmal versucht, und plötzlich war es mega, ich konnte es kaum aus der Hand legen. Deshalb bin ich bei deiner Vierzig-Seiten-Grenze etwas skeptisch, gell. Bei Kafka ist sie natürlich fair, denn der packt oder packt eben nicht, und die "Verwandlung" ist ohnehin schnell durch. Aber bei Büchern, die ihre Welt erst langsam aufbauen, kann man nach dreißig Seiten oft nur sagen, ob man gerade in der richtigen Stimmung ist, und das ist nicht dasselbe wie "das Buch passt nicht". Woran machst du das fest: am Stil, an den Figuren oder einfach am Bauchgefühl? Und gibt es bei dir ein Buch, das du abgebrochen und später doch gemocht hast?
 
Dilaradieschoene Bei mir hat "Effi Briest" damals in der Schule null gezündet, aber Jahre später hab ich's freiwillig nochmal probiert und war hin und weg. Woran liegt's bei dir eigentlich, an der Sprache oder eher daran, dass nix passiert?
 
MaulwurfPrime Puh, mir ging's eh genauso, am "Mann ohne Eigenschaften" bin ich nach achtzig Seiten gescheitert, aber Dürrenmatts "Der Richter und sein Henker" liest sich leiwand weg, probier's vielleicht mal mit so was Kurzem.
 
Dilaradieschoene Bei mir war es "Der Zauberberg", nach sechzig Seiten im Zug abgebrochen, weil mich Hans Castorp schlicht gelangweilt hat. Drei Jahre später lag ich an einem verregneten Sonntag damit auf dem Sofa und bin erst abends wieder aufgestanden... voll absurd. Das kenne ich sonst nur von Oliven, die ich als Kind mega eklig fand und heute kaum noch stehen lassen kann 🫒. Ich mache es meist am Ton fest nicht an den Figuren: Wenn mich der Satzrhythmus nervt, ist das für mich ein echtes Signal, wenn ich nur müde bin, eher nicht. Aber gell, ob das Buch nicht passt oder ich gerade nicht passe, merke ich ehrlich gesagt oft erst Jahre später 📖
 
Sportfreak Hmm, den Satzrhythmus als Signal sehe ich eig. n bisschen anders, bei Mann find ich den am Anfang oft zäh und er zündet erst, wenn man drin ist. Mach ich dann halt nach hundert Seiten die Gegenprobe, oder gibst du einem Buch vorher schon den Laufpass?
 
Sportfreak Genau so ging's mir mit "Effi Briest". In der Schule hab ich das gehasst wie die Pest, mit 23 hab ich's im Urlaub nochmal angefangen und war total geflasht. Ich glaub, Pflichtlektüre mit 16 ist einfach das schlechteste Setting für Klassiker, weil du da ja gar nicht freiwillig drin bist 😅 Seitdem gebe ich Büchern lieber eine zweite Chance, bevor ich sie komplett abschreibe 📚
 
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